Kostüme


Dressed in silvern silk, white and wafting like a ghost?

Der besondere Reiz von Dead Love's Delight ist das Zusammentreffen von Personen nicht nur verschiedener Gesellschaftsschichten und Altersstufen, sondern auch verschiedener Epochen, die das Handeln der einzelnen maßgeblich bestimmen. Um dies zu visualisieren, waren eigene Kostüme notwendig. Sie wurden von Dorothee A.E. Sattler für jeden Charakter individuell nach historischen Vorbildern entworfen. Auch die Auswahl der Stoffe erfolgte unter diesem Gesichtspunkt: Nach Möglichkeit kamen historische oder zumindest dem historischen Vorbild nahekommende Muster, Farben und Materialien zur Verwendung, die jeweils passend zum Charakter — und zum Darsteller — ausgewählt wurden. Die Schnitte folgten weitgehend dem historischen Gebrauch, wobei wegen des Einsatzes auf der Theaterbühne auf exakte Rekonstruktionen inbes. der Verschlüsse und Untergewänder verzichtet werden mußte. Zugunsten der besseren Unterscheidbarkeit der einzelnen Personen auf der Bühne erhielten auch die Angehörigen des einfachen Volkes keine Leichentücher, sondern echte Kostüme, die gleichfalls für jeden Charakter entworfen wurden. Als Grundlage für sie dienten Darstellungen frühneuzeitlicher Handwerker, Bauern und Tagelöhner. Die Kostüme wurden von Margaritha Sattler maßgeschneidert und von Anna-Sophie M.I. Sattler und Dorothee A.E. Sattler dekoriert.
Zur Veranschaulichung seien hier einige Kostüme näher vorgestellt; für weitere Kostümbilder siehe Photogalerie.


Entwurf Denise Denise Coudoville (1804—1825)
Adalberts verstorbene Braut sehnt sich nach einem sorglosen Leben und nach romantischer Liebe, wie sie in der zeitgenössischen Damenliteratur beschrieben war — glühende Schwüre edler Ritter in rosenumrankten Lauben bei Mondenschein. Nach der Verlobung mit Adalbert Visc. de Griffonceau, die all' ihre Träume zu erfüllen schien, mußte sie jedoch erkennen, daß der junge Mann keineswegs ihrem Ideal enzsprach. Für Denise war der Tod eine Erlösung aus der ungeliebten Verbindung, denn nun kann sie weiterhin ihre Träume ausleben, muß es aber auch — für immer.

Kostüm Denise Um die bürgerliche Herkunft von Denise und ihr rückwärtsgewandtes Ideal zu kennzeichnen, wurde ein Kleid einer zum Zeitpunkt ihres Todes bereits leicht veralteten Mode gewählt, dem Empire-Stil. In Anlehnung an das Hochzeitskleid der Elisabeth Patterson, Gemahlin von Jeróme Bonaparte, dem Bruder Napoleons, entstand der Entwurf von Denises Kostüm. Der silbrigschimmernde Stoff der Chemise und das Überkleid aus weißem Seidenchiffon verdeutlichen sowohl Denises romantische Sehnsucht als auch ihren ungefestigten Charakter. Die ätherisch-geisterhafte Erscheinung mit ihrem dem nachwehenden Seidenschleier ist zugleich ein ironisches Zitat der Vorstellung von Gespenstern, wie sie das Zeitalter der Romantik liebte.

Stoffprobe
Material: Baumwolle, Seidenchiffon





Stoffprobe Suzy Suzy d'Aulaine-Rosière (1709—1731)
Suzy, die bei der Geburt ihres Kindes starb und mit ihm begraben wurde, stammt aus dem heiteren Rokoko. Sie trägt einen Reifrock mit Manteau und Stecker und eine Perücke nach der zeitgenössischen Mode. Um den Reichtum ihrer Familie zu betonen, ist sie in ein besonders prächtiges Gewand gekleidet. Die hellen Farben entsprechen ihrem fröhlichen Charakter, das chinesisch anmutende Muster dem Geschmack der Zeit.
Material: Taft

Entwurf Lieutenant

Lieutenant (1720—1757)
Für das Kostüm des Lieutenants wurde die historisch belegte Uniform der 1. Compagnie der Gardes du Corps ausgewählt. Sie besteht aus einem blauen Uniformrock mit roten Aufschlägen und silberfarbiger Paspelierung, der über rotem Unterzeug getragen wird. Entsprechend der Mode der Zeit trägt der Lieutenant einen Dreispitz und eine Zopfperücke. Vervollständigt wird das Kostüm durch eine zeitgenössische Steinschloßpistole (Replik).

Schokoladenmädchen Servant Claudie (1728—1744) und Servant Sybille (1725—1744)
Die Kleidung des weiblichen Dienstpersonals in der Mitte des 18. Jahrhunderts ist im Vergleich zu stadtbürgerlicher oder adeliger Mode verhältnismäßig selten auf Gemälden belegt und noch seltener erhalten. Um die beiden Servants von den Angehörigen der Unterschicht zu unterscheiden, wurde ihr Kostüm auf Grundlage einer sehr bekannte Darstellung entworfen — dem ,Schokoladenmädchen‘ von Jean-Étienne Liotard (1702—1789). Schürze und Häubchen weisen die beiden Servants als Serviermägde aus; die Verwendung gleicher Stoffe erinnert an eine Livree eines herrschaftlichen Hauses denken. Gemäß den Kleiderkonventionen der Zeit überwiegen dunkle und gedeckte Farben, wobei die unterschiedliche Ausführung der Häubchen und des Führtuches die Individualität der Charaktere gewährt.

Jean-Étienne Liotard: Das Schokoladenmädchen (1744)




Entwurf Butcher Butcher (1680—1710)
Die Kleidung der Unterschicht hat sich über Jahrhunderte hinweg nur wenig verändert. Bedingt durch die schlechte wirtschaftliche Situation und reglementiert von Kleiderordnungen, denen sich das einfache Volk — anders als Standespersonen — mangels Möglichkeiten nicht entziehen konnte, dominierten Stoffe in Grau- und Brauntönen und einfacher Webart sowie schlichte Schnitte. Auch auf Verzierungen wie Borten oder Zierknöpfe mußte weitgehend verzichtet werden.
Der Butcher gehört zu den etwas bessergestellten Personen der Unterschicht und ist wie die anderen Toten des einfachen Volkes ist er in seiner Alltags- oder Arbeitskleidung bestattet. Er trägt Kniehosen, ein weites Hemd und eine lederne Arbeitsschürze. Die Verwendung grober Stoffe, die hochgekrempelten Ärmel und derbe Schuhe unterstreichen den Charakter des Butchers: Er ist der Anführer von Marquéz Henchmen, der für seinen Herrn gerne seine Fäuste einsetzt.




Die in Dead Love's Delight gezeigten Kostüme umfassen einen Zeitraum von gut sechshundert Jahren und bieten somit einen faszinierenden Einblick in die Mode- und Kostümgeschichte vom Mittelalter bis ins frühe Biedermeier. Vor allem die Kostüme der Oberschicht, die im V. Akt getragen werden, machten das Stück auch visuell zu einem Erlebnis.


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